Franz Müntefering hält berührende Rede auf der Weihnachtsgala des Wünschewagens

 

Wir freuen uns sehr, dass Franz Müntefering, Vizekanzler a. D., Präsident des ASB Deutschland e. V. und Schirmherr des Wünschewagens, am vergangenen Samstag Gast unserer Weihnachtsgala war und in seiner Begrüßungsrede Worte fand, die uns berührten und gleichzeitig so gut zusammenfassen, worum es in unserem Projekt geht.

“Liebe Samariterinnen und Samariter, liebe Gäste,

wir feiern hier heute eine Weihnachtsgala, ein Fest der Lebensfreude und des Frohsinns. Aber die Gala hat gleichwohl mit dem Teil des Lebens zu tun, der Sterben heißt und Abschiednehmen bedeutet. Und zwar für die, die gehen und für die, die bleiben.

Wir leben deutlich länger als vergangene Generationen. Gut fünf Millionen Menschen in Deutschland sind 80 Jahre und älter, in zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren werden es zehn Millionen sein. Dabei werden wir relativ gesund alt, denn wir haben Nahrung, Hygiene und Hochleistungsmedizin. Das ist gut für sehr viele und daraus kann man was machen. Und auch für diese immer längere Zeit vor dem Sterben – das ganze Leben – hat der ASB Anregung und konkrete Hilfe in vielfältiger Weise bereit – Beratung und Kita, Pflege und Hilfe bei Unfällen, immer gilt: Wir helfen hier und jetzt. Aber das ist heute hier nicht das Thema.

Heute hier geht es um die letzte Strecke des Lebens und die kommt unweigerlich auch, für Jede und Jeden.

Im Dorf im Sauerland sagte man: Ich muss nichts, außer sterben. Oder auch: Altwerden und sterben tut man von alleine, darüber muss man sich keine Gedanken machen. Aber das stimmt nicht, denn es ist nicht egal, wie Menschen sterben. Man muss sich doch Gedanken machen und begleiten und beistehen, wo es geht. Nochmal: Es ist nicht egal, wie Menschen sterben!

Sterben ist das letzte Stück Leben jedes Menschen – das kann eine sehr kurze Zeit sein oder eine ziemlich lange. Tränen und Trauer und Widerstand und Erschöpfung und Ratlosigkeit sind dabei üblich.

Ob es denn überhaupt so etwas wie Lebensqualität geben kann in dieser Lebens- und Sterbensphase? Ja, die gibt es. Und das wichtigste dabei ist oft für den Sterbenden, ob es Menschen gibt, die Zeit haben für sie und sich einlassen auf ihre Trauer und ihre Wünsche.

Zeit haben und Zeit geben, das ist Lebensqualität, in dieser Zeit des Sterbens ganz besonders.

In Deutschland sterben in jeder Stunde durchschnittlich etwas über hundert Menschen, 870.000 bis 900.000 jährlich. Davon sind immer mehr alt, denn Kinderkrankheiten sind weitgehend im Griff, Frauen sterben nicht mehr im Kindsbett, Männer nicht mehr – wie vor 130 Jahren, als sich der ASB gründete – bei Arbeitsunfällen und seit über 72 Jahren ist Frieden bei uns in der Mitte Europas, kein Krieg, das gab es über Jahrhunderte nicht (das mag auch eine Mahnung sein, für dieses Europa des Friedens und der Demokratie zu werden und zu kämpfen, damit es Zukunft hat).

Aber das Sterben ist nicht eine Angelegenheit nur für Alte. Denn die haben Kinder und Enkelkinder, die um die Sterbenden trauern. Und immer gibt es auch kleine Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Menschen mittendrin im Leben, die vom Sterben überrascht oder eingeholt werden. Kinderhospize sind Orte, an denen man das erfährt, massiv.

Nicht alle Menschen, die sterbend sind, begreifen ihre Situation oder akzeptieren sie letztlich sogar. Aber doch recht viele. Und nicht selten wollen sie gerne noch das eine oder andere von ihrem verbleibenden Stück Leben haben: Sie wünschen sich was.

Einen runden Geburtstag mit einer Familienfeier!
Ein Enkelkind, das bald geboren wird!
Das Frühjahr, wenn die Sonne wieder strahlt!
Und manchmal sind es Lebenswünsche, bei denen wir helfen können, sie zu erreichen.

Das sahen einige Samariterinnen und Samariter und weil unser Motto heißt: Wir helfen hier und jetzt! und weil sie wussten: Es passiert nichts Gutes, außer, man tut es! – tun sie es nun. Sie haben den Letzte-Wünsche-Wagen gestartet. Eine Chance für Sterbende, einen Ort zu erreichen, noch einmal, den man zu Fuß, im Krankenbett und mit dem Privat-Pkw der Familie nicht erreichen könnte – das Meer, das Stadion, die Alpen, Verwandte und Bekannte, und, und, und…

Ich war froh, als ich vor ein, zwei Jahren von der Initiative hörte und sah, dass wieder einmal Samariterinnen und Samariter aktiv sind – hier im Ruhrgebiet habe ich den ersten der Wünschewagen gesehen, inzwischen ein gutes Dutzend in allen Bundesländern, zuletzt in Hamburg und in Warnemünde, wo sich aus der ganzen Bundesrepublik Wünschewagen vorstellten.

Und überall ein verhaltener Stolz der Aktiven und die Gewissheit: Das ist eine gute Sache, wir helfen Menschen und geben ihnen unbezahlbare Augenblicke, vielleicht sogar zahlreiche Stunden guten Lebens.

Ich bedanke mich bei den Initiatoren, bei allen, die hauptamtlich und ehrenamtlich bei diesem Akt organisierter Solidarität mitmachen. Der Einwand: Das hilft doch den anderen 869.500 nicht, die keinen Wünschewagen erleben – dieser Einwand gilt nicht. Denn es geht um jeden einzelnen Menschen. Immer, um jeden Einzelnen.

Das Sterben ist damit nicht besiegt, natürlich nicht. Aber einige Menschen erleben im Sterben schöne Augenblicke und Stunden. Das zählt.”